Inflation treibt Baupreise – aber nicht die Baufinanzierungszinsen

Wir erleben derzeit etwas, was es in Deutschland außerhalb des Immobiliensektors lange nicht mehr gegeben hat: Stark steigende Preise. Im Juni haben deutsche Produzenten ihre Preise um 8,5 Prozent erhöht – höher war der Anstieg zuletzt nur bei der Ölkrise 1982. Bis zum Jahresende rechnet die Bundesbank mit bis zu 4 Prozent Geldentwertung in Deutschland. Treiber der Inflation sind bislang vor allem die gestiegenen Rohstoff- und Energiepreise. Meine Schlussfolgerung: Zumindest kurzfristig müssen wir uns in Deutschland auf weiter steigende Preise gefasst machen – und damit wird auch das Bauen und Renovieren teurer.

 

Doch was ist mit den Baufinanzierungszinsen? Folgt auf die Rückkehr der Inflation ein Anstieg der Baufinanzierungszinsen?

 

Ginge es nach dem Lehrbuch, lautet die Antwort: Ja, denn höhere Inflationserwartungen bedeutet steigende Zinsen. Ginge es nach der EZB, lautet die Antwort: Nein! Denn die EZB nimmt die Eurozone insgesamt in den Blick und adjustiert zudem ihre Zinspolitik derart, dass Zinserhöhungen erst dann zu erwarten sind, wenn die Inflationsaussichten nachhaltig in Richtung 2 Prozent konvergieren. Konkret erwartet der EZB solange keine Zinserhöhungen, bevor die Inflation nicht in der Mitte des Projektionszeitraums bei wenigstens 2 Prozent liegt. Kurzum es geht um einen mittelfristigen und nachhaltigen Anstieg der Inflationserwartungen und der ist bei einer aktuellen Inflationsprojektion der EZB-Volkswirte für das Jahr 2022 von 1,5 Prozent nicht in Sicht. Daher kein Grund für die Zentralbanker, etwas an ihrer ultralockeren Geldpolitik zu ändern. Das haben sie auf ihrer jüngsten Sitzung Ende Juli noch einmal bekräftigt. Deshalb ist klar: Ein deutlicher Zinsanstieg ist in den nächsten Monaten nicht zu erwarten – trotz kurzfristig gestiegener Inflation.

 

Zumindest kurzfristig müssen wir uns in Deutschland auf weiter steigende Preise gefasst machen – und damit wird auch das Bauen und Renovieren teurer.
Dr. Rainer Eichwede, Kapitalmarktexperte und Leiter Finanzsteuerung

 

Doch Entspannung ist für Bauwillige dennoch nicht in Sicht: Auch wenn die Zinsen weiterhin niedrig bleiben – die Nachfrage nach Wohnraum, Kosten für Handwerker und Baumaterial und knappes Bauland treiben die Preise für das Bauen und die Immobilien weiter nach oben. Junge Familien haben derzeit doppelt Pech: Weil ihre Einkommen weniger stark als Bau- oder Immobilienpreise wachsen, steigt der nominal geforderte Eigenkapital-Anteil bei teilweise negativen Guthaben- und Kapitalmarktzinsen.

 

Alle, die in die eigenen vier Wände wollen, haben also momentan drei Aufgaben:

  • Eigenkapital aufbauen und staatliche Förderung als Ersatz für fehlende Guthabenzinsen maximal nutzen.
  • Bei gefundener Traumimmobilie nicht zu lange zögern und zusagen.
  • Bei der Finanzierung eher lange Laufzeiten vereinbaren.

#Zinsmeinung von Dr. Rainer Eichwede, Kapitalmarktexperte und Leiter Finanzsteuerung bei der Bausparkasse Schwäbisch Hall.

 

 

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