Kinder und Jugendliche sind immer häufiger dem Mobbing im Internet ausgesetzt.

Cybermobbing: „Opfer brauchen Unterstützung von Eltern, Schule und Sozialarbeit“

Kinder und Jugendliche sind immer häufiger dem Mobbing im Internet ausgesetzt. Im Interview beleuchtet Uwe Leest, Vorstandsvorsitzender des Bündnis gegen Cybermobbing, wie diese Angriffe ablaufen, welche Folgen sie haben und wie man Heranwachsende am besten schützen kann.

Pfefferminzia: Was genau ist Cybermobbing oder Cyberbullying?

Uwe Leest: Mobbing bedeutet, dass jemand über einen längeren Zeitraum wiederholt tyrannisiert, geärgert oder schikaniert wird. Oder auch in passiver Form durch Kontaktverweigerung mehrheitlich gemieden oder in sonstiger Weise in seiner Würde verletzt wird. Der Betroffene kommt oftmals nicht mehr alleine aus der Situation heraus. In den meisten Fällen liegt außerdem ein Macht-Ungleichgewicht vor. Mobbing bezieht sich auf ein Verhaltensmuster, nicht auf eine einzelne Handlung. Die Handlungsweisen sind zudem systematisch, das heißt sie wiederholen sich. All dies geschieht über Webseiten, soziale Netzwerke, Videoplattformen, Messenger und E-Mail.

Welche Motive stecken dahinter?

Das ist sehr vielfältig. Mobbing dient zum Beispiel als Ventil für aufgestaute Aggressionen oder es wird dazu verwendet, sich einen bestimmten Ruf zu verschaffen, zum Beispiel um besonders „cool“ zu sein. Mobbing geschieht meist in der Gruppe, daher kann es zu einer Stärkung des Gemeinschaftsgefühls führen. Es wird auch eingesetzt, um Stärke zu zeigen. Nicht zuletzt spielen oftmals Versagensängste oder die Angst, selbst zu einem Mobbingopfer zu werden, eine Rolle. Vor allem Mitläufer wollen ihre Zugehörigkeit zur Gruppe nicht riskieren. Weiterhin können auch Fremdenfeindlichkeit, Intoleranz oder auch einfach nur Spaß an Gewalt Gründe sein.

Bitte nennen Sie uns einen konkreten Fall.

Der 16-jährige Tom spricht auf dem Schulhof schlecht über seine Ex-Freundin. Er verschickt intime Privatfotos und ein Video, das er heimlich beim Geschlechtsverkehr aufgenommen hatte, an Schulkameraden mit den Worten: „Hier, ich schenke euch diese Bitch.“ Ein Erwachsener wird auf diese Umstände aufmerksam und informiert den Kontaktpolizisten der Schule. Toms Handy wird eingezogen und untersucht. Die gelöschten Inhalte können wiederhergestellt werden. Es wird nachvollzogen, dass Tom einige dutzend Male Bilder und Videos über WhatsApp und andere Kanäle versendet hatte. Infolge der Verbreitung der Bilder verliert seine Ex-Freundin einen sicher geglaubten Ausbildungsplatz, sie schämt sich, wird depressiv und denkt an Selbstmord. Daraufhin begibt sie sich in Therapie und wechselt die Schule.

Wo konkret lauern die größten Gefahren und wie können sich Heranwachsende davor schützen?

Die allergrößte Gefahr ist die weit verbreitete Annahme, dass andere Menschen weniger wert sind als man selbst. Der Egoismus und das respektlose Verhalten gegenüber anderen findet alltäglich statt und ist heutzutage keine Ausnahme mehr. Des Weiteren ist der sorglose Umgang mit privaten Daten und Informationen im Netz ein hoher Risikofaktor.
Das Hinnehmen von inakzeptablen Verhalten der Täter wird häufig nicht mehr hinterfragt. Das muss sich ändern. Viele Zuschauer von Mobbing oder Cybermobbing finden die Angriffe nicht gut, tun aber nichts dagegen. Sich selbst zu wehren und anderen beizustehen ist sehr wichtig um nachhaltig und frühzeitig den Auswirkungen von Mobbing entgegenzutreten.

Welche Verantwortung tragen hier Internet-Provider, Schule und Eltern?

Die Provider sind dafür verantwortlich, gemeldete Verstöße und Inhalte zu entfernen. Eltern und Schulen sollten den Jugendlichen Sozial- und Medienkompetenz vermitteln und ihnen auch die Gefahren der neuen Medien verdeutlichen. Prävention und Intervention stehen an oberster Stelle. Sobald ein Fall von Cybermobbing publik wird, muss das Opfer ernst genommen werden. Um schnellstmöglich zu helfen, müssen Eltern, Provider, Schule und gegebenenfalls die Polizei effektiv zusammenarbeiten.

Wie kann man Opfern von Cybermobbing wirkungsvoll helfen?

Zunächst ist ein verständnisvoller Umgang mit der Thematik und den Betroffenen wichtig. Opfer sollten sich ernstgenommen fühlen und nicht noch zusätzlich unter Druck gesetzt werden. Gleichzeitig gilt es die Inhalte zu sichern, sodass Beweismaterial gegen den Täter vorhanden ist. Anschließend sollte der Vorfall dem Betreiber der Website oder Online-Plattform gemeldet werden, damit der Angreifer gesperrt wird. Weiterhin müssen Eltern, Schule und Schulsozialarbeit als Unterstützernetzwerk fungieren, um dem Opfer Rückhalt zu geben und den Täter zu stellen. Das Einleiten rechtlicher Schritte bietet eine weitere Möglichkeit dazu.

Was tun Sie als Organisation?

Das Bündnis gegen Cybermobbing arbeitet einerseits in der Prävention, also in der Sensibilisierung für das Thema, und entwickelt Lösungen um Cybermobbing vorzubeugen. Andererseits sind wir aber auch in der Opferhilfe aktiv, sprich Betroffene werden informiert und beraten, welche Maßnahmen eingeleitet werden können um Cybermobbing zu bekämpfen. Zudem werden Schulen aktiv betreut. Sie erhalten bei auftretenden Fällen über eine Hotline schnellstens Hilfe. Wir wollen eine nachhaltige Eindämmung von Cybermobbing in unserer Gesellschaft und fordern daher ein Cybermobbing Gesetz in Deutschland.

Vielen Dank an die Pfefferminzia

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