Deutschlands Arztpraxen weit entfernt von zeitgemäßen Standards

Das deutsche Gesundheitswesen hinkt digital hinterher. Nach 20-jähriger Planungsphase soll nun 2021 endlich die digitale Krankenakte kommen. Noch sieht die Lage in deutschen Praxen und Krankenhäusern aber anders aus. Größte Baustellen: der Netzausbau und sinnvolle digitale Prüfstandards.

Diagnosen und Medikationspläne, Impfdaten und Röntgenbilder – all das müssen Patienten in Deutschland meist nach wie vor selbst von Arzt zu Arzt tragen. Die Krankenakte bleibt in vielen Fällen noch immer in der Hand der Ärzte. Von einer politischen Lösung zur Digitalisierung der Gesundheitsbranche ist man hierzulande noch weit entfernt – anders als beispielsweise in Estland oder Dänemark. Dort können Patienten ihre persönlichen Gesundheitsdaten jederzeit einsehen und den Zugriff durch verschiedene Therapeuten und Mediziner selbst verwalten. Ferndiagnosen und Fernbehandlungen per Video sind in Deutschland immer noch Zukunftsmusik. In Kanada und Israel etwa gehören sie längst zum medizinischen Alltag.

Studie zum digitalen Wandel im Gesundheitswesen: Deutschland belegt Platz 16 von 17

In Deutschland tausche man derweil noch Informationen auf Papier aus und arbeite an den Grundlagen der digitalen Vernetzung, kritisiert Brigitte Mohn, die im Stiftungsvorstand der Bertelsmann Stiftung sitzt. Die Stiftung kam in einer aktuellen Studie zu einem vernichtenden Ergebnis: Der digitale Fortschritt ist noch lange nicht in deutschen Wartezimmern angekommen – Deutschland belegt Rang 16 von 17, wie der internationale Ländervergleich zeigt.

Studienleiter Thomas Kostera resümiert: Außer in Deutschland gebe es in fast allen untersuchten Staaten ein nationales Kompetenzzentrum. Nur hierzulande habe die Politik es versäumt, die Verantwortung zu übernehmen und die Verwaltung des digitalen Wandels dem Gesundheitswesen selbst überlassen – und dort hätten sich die Akteure gegenseitig blockiert. Daher sei eine „Agentur für digitale Gesundheit“ dringend erforderlich.

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Private Anbieter schließen die Lücken: wie (un)sicher ist das?

Ähnlich sieht das auch Karsten Glied, Geschäftsführer der Techniklotsen GmbH, in einem Interview mit dem Branchenmagazin IT-daily.net: „Die Selbstverwaltung des Gesundheitswesens hat vor Jahren versucht, ein digitales Produkt auf den Markt zu bringen, und ist daran kläglich gescheitert, da sich die Verantwortlichen völlig in der technischen Umsetzung verloren haben“, schimpft er. „Hier fehlen einfach die digitalen Möglichkeiten, um auf den schnelllebigen Markt zu reagieren. Jetzt übernehmen private Anbieter, die sich mit großen Krankenhäusern und -kassen verbünden.“

Die Politik muss digitale Standards vorgeben

Die Bundesregierung müsse viel mehr Maßnahmen ergreifen, um die Kontrolle über private Angebote im Gesundheitswesen zu erlangen, ist Glied überzeugt. Am wichtigsten sei es Austauschstandards zu definieren. Außerdem solle die Regierung eine Sicherheitsarchitektur vorgeben. Unerlässlich seien außerdem sinnvolle Prüfstandards – und nicht zu vergessen die Vernetzungsstrukturen und DSGVO-konforme Ressourcen, so der Experte.

Wie wichtig diese Standards sind, zeigen die ersten digitalen Vorreiter auf dem deutschen Gesundheitsmarkt, wie etwa die von vielen Krankenkassen unterstützte elektronische Patientenakte „Vivy“. IT-Sicherheitsforscher hatten hier gleich zum Start von Vivy im September 2018 erhebliche Schwachstellen entdeckt.

Nachteile der elektronische Patientenakte: Sicherheitslecks und fehlende Kontrollen

Beispielsweise hätten Hacker auf persönliche Daten wie das Geburtsdatum und Alter des Patienten, die E-Mail-Adresse und Versicherungsnummer sowie das Profilbild und den Namen des behandelnden Arztes auslesen können. Außerdem sei es möglich gewesen, auf die einzelnen Befunde zuzugreifen. Mittlerweile sind die Sicherheitslecks behoben.

Um solche bedenklichen Online-Risiken gar nicht erst aufkommen zu lassen, stehen aus Sicht des Experten die Landesdatenschutzbeauftragten in der Pflicht, vorbeugende Kontrollen auszuarbeiten: „Denn wenn es erst einmal zu Datenabflüssen kommt, ist es zu spät“, betont IT-Experte Glied. Bei der Anzahl an Diagnose-Apps, die auf den Markt strömen, kommt derzeit noch ein ganz anderes Problem hinzu: Die fehlende Evidenz. Virtuelle Diagnosen können sowohl mit als auch ohne eine zusätzliche ärztliche Begleitung durchgeführt werden, es kann sich um digitale Programme handeln, die auf Symptombeschreibungen basieren, oder um Software, die körpereigene Proben examiniert und hiermit Diagnosen durchgeführt. All das erschwert eine systematische Evaluation und Kontrolle erheblich.

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Dass Krankenkassen mit privaten IT-Anbietern kooperieren, ist aus Sicht von Fachmann Glied dennoch sinnvoll. Versicherungsnehmer könnten so zum Beispiel die Möglichkeit bekommen, ohne bürokratische Hürden mit den persönlichen Krankendaten von einer Krankenkasse zur anderen zu wechseln. Um das zu regulieren, seien allerdings Standards durch die öffentliche Hand erforderlich.

Verschlüsselung medizinischer Daten

Ein weiteres wichtiges Thema: die Verschlüsselungsproblematik. Mediziner und Krankenhausverwaltungen müssten darüber aufgeklärt werden, welche Technologien bei der Übertragung genutzt werden dürften. Auch an dieser Stelle sei die Bundesregierung in der Pflicht, klare Maßnahmen und Sicherheitsvorschriften vorzugeben – beispielsweise müsse das Bewusstsein dafür geschaffen werden, mit welchen Tools Ärzte die Telemedizin umsetzen dürften, ohne die Daten des jeweiligen Patienten zu gefährden.

Dass das deutsche Gesundheitswesen nach wie vor digitales Niemandsland ist, hat aber auch eine andere Erklärung: den unzureichenden digitalen Netzausbau – angefangen mit der  einer schnellen und flächendeckenden Internetverbindung: „Der Breitbandausbau ist durch 5G nicht zu ersetzen und wer weiß, wann die neue Technologie im ländlichen Bereich überhaupt ankommt?“, gibt Karsten Glied zu bedenken.

Vielen Dank an die Pfefferminzia

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